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Joachim Brandmaier (59): „Kein Irrglaube hält sich an der Börse so hartnäckig wie der, dass allein Timing über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Das Timing spielt auf lange Sicht eine viel kleinere Rolle, als die meisten Anleger denken!"
Aktienkurse zu hoch? Alles Quatsch - dabei sein ist alles!
Liebe Leserinnen und Leser,
während sich im April in Stuttgart alles um die Dividende dreht, steigen die Kurse so ganz nebenbei weiter an. Noch am Freitag schlossen DAX und Dow Jones zu einem noch nie dagewesenen Rekordpunktestand in ihrer Geschichte. Der Dax kletterte am vergangenen Freitag auf 15.234 und der Dow auf 33.748 Punkte! (ältere Leser erinnern sich an meine damals kühne Prognose "Der Dow steigt auf 20.000!")
Dem einen oder anderen (oft neuem Leser) wird es bei solchen Meldungen doch etwas mulmig. Einer hat mir sogar geschrieben: "Ihre Dividenenwochen sind ja schön und gut, aber was bringt das beste Dividendenwissen, wenn ich jetzt viel zu teuer vom Aktienkurs her einsteige? Schreiben Sie doch bitte auch mal etwas dazu. Herr Brandmaier, kann man jetzt ernsthaft noch Aktien kaufen?" Unsere langjährigen Leser wissen natürlich sofort, wie der Brandmaier darauf argumentieren würde. Damit habe ich schon ganze Bücher gefüllt!
Ich überlasse aber heute die Argumentation keinem geringeren als Benjamin Graham. Er war eine Börsenikone und der geistige Vater der substanzorientierten Aktienanlage. Als Wissenschaftler war er spitze, doch als Vermögensverwalter hatte er weniger Glück: Mitte der 1950er-Jahre verkaufte Graham alle seine Aktien, weil er befürchtete, die Kurse wären bereits zu stark gestiegen. Dumm gelaufen: Die Börse startete danach erst richtig durch. Frustriert schloss Graham seine Investmentfirma und konzentrierte sich bis zu seinem Tod 1976 auf seine Studien.
Graham tappte in die Falle des Markttimings. Diese droht allen Anlegern, die glauben, sie könnten mit dem richtigen Raus und Rein ihre Rendite steigern. Raus aus den Aktien, wenn die Märkte zu teuer sind, um Rückschläge zu vermeiden; wieder rein, wenn die Kurse am Boden liegen. Klingt vernünftig … ist aber völlig praxisfremd. Man kann sich noch so viel mit der Frage beschäftigen, wie sich die Börsenkurse in den nächsten Tagen und Wochen entwickeln werden. Niemand schafft es, schlauer als der Markt zu sein. Zu keinem Zeitpunkt kann irgendwer auf dieser Welt wissen, was die Börse morgen macht.
Die gute Nachricht an dieser Stelle: Sie müssen es auch nicht wissen. Bei einer langfristigen Kapitalanlage in Wachstumsaktien spielt das richtige Timing keine entscheidende Rolle.
Dabei sein ist alles – das beweisen zahlreiche Studien. Wer beispielsweise vor 30 Jahren zum Höchstkurs in die Aktien des Weltindex MSCI eingestiegen wäre, der hätte bis heute eine durchschnittliche Rendite von 6,39 Prozent pro Jahr eingefahren. Der Glückspilz hingegen, der 1982 den niedrigsten Stand erwischte, liegt mit 6,96 Prozent nur wenig darüber. Selbstverständlich ärgere auch ich mich jedes Mal, wenn eine Aktie fällt, kurz nachdem ich sie gekauft habe. Aber das sind alles unwichtige kurzfristige Emotionen.
Erfolgreiche Börsianer vergeuden ihre Zeit nicht damit, sich den Kopf wegen des richtigen Einstiegszeitpunktes zu zerbrechen – viel, viel wichtiger ist die richtige Aktienauswahl. |