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Joachim Brandmaier (59): „Höhenangst auf einem Berg kann angebracht sein. An der Börse ist aber jeder Gipfel nur Zwischenstation zum nächsten."
Hausse, die Zeit der Ernte?
Liebe Leserinnen und Leser,
eine Hausse ist doch die schönste Zeit an der Börse. Auch die Zeit der Ernte? Wenn die Aktien über einen längeren Zeitraum steigen, fühlt sich der Börsianer wie im Paradies. Täglich schaut er mehrmals auf den Wert seines Depots und hat regelrechte Glücksgefühle beim Anblick seiner Aktien, gleichzeitig wächst aber auch die Verlustangst. Schließlich will man den neu erworbenen Reichtum nicht gleich wieder verspielen.
Wie also verhält man sich richtig: Gewinne laufen lassen – wie es in einem alten Sprichwort heißt? Oder gilt eher das andere alte Sprichwort: Vom Gewinne mitnehmen ist noch keiner arm geworden?
DAX und Dow Jones klettern derzeit nahezu jeden Tag auf neue historische Höchststände, aber so richtig freuen sich nicht alle Börsianer. Die einen nicht, weil sie mit Aufkommen der Coronakrise im April letzten Jahres ihre Aktien entnervt verkauft haben. Die anderen sind zwar investiert, leiden aber jetzt unter akuter Höhenangst. Muss einem angesichts der jüngsten Bestmarken tatsächlich schwindlig werden?
Meine Meinung kennen Sie: Kurzfristig ist an der Börse alles möglich. Deshalb kann ich nicht ausschließen, dass sie sich nach dem rasanten Aufschwung eine Auszeit nimmt. Selbst heftige Rückschläge sind jederzeit drin. Mit diesem Risiko müssen wir als Börsianer leben. Wir müssen uns aber auch damit abfinden, dass kein Mensch vorhersehen kann, WANN die Aktien das nächste Mal einen Schwächeanfall erleiden. Es kann nächste Woche so weit sein, aber eben auch erst in ein paar Jahren. Darauf zu spekulieren, ist pure Glücksache.
Was uns weiterhilft, um erfolgreich zu investieren, ist der Blick auf die langfristige Marschrichtung der Börse – und die zeigt seit über 100 Jahren ganz klar nach oben. Auch wenn wir es in den turbulenten und teils schmerzhaften Zeiten seit der Jahrtausendwende womöglich vergessen haben: Langfristig betrachtet sind neue Höchststände an den Aktienmärkten die Regel – und kein Grund, das große Flattern zu bekommen. |